Der Beginn

Es ist inzwischen schon über zehn Jahre her, als ich in einem Artikel im Spiegel auf den Westweg aufmerksam wurde. Ich war überrascht davon, dass es so etwas wie Fernwanderwege überhaupt in Deutschland gab. Bis dahin verband ich Wandern eher mit den großelterlichen Ausflügen an Sonntagen oder Tagestouren irgendwo in den Bergen und Fernwanderungen gehörten für mich nach Amerika, z.B. zum Pacific-Crest-Trail. Gut, ich hatte schon von Freunden einmal gehört, die von München über die Alpen bis nach Venedig gewandert waren, aber das waren für mich Erzählungen von Menschen, die auch sonst super sportlich unterwegs waren. Menschen, die im Hochsommer mit dem Rennrad eine Rundreise in Sizilien machten oder nur so zum Spaß die Zugspitze bestiegen. Also nichts für Sofa-Kartoffeln wie mich. Der Beitrag im Spiegel berichtete nicht nur von einer überraschend abwechslungsreichen Landschaft direkt vor unserer Tür, sondern auch von einem praktischen Gepäckbringdienst, der das Übernachtungsgepäck von Hotel zu Hotel lieferte und damit das Wandern während des Tages leicht wirken ließ. Das war mir sympathisch: Tagsüber die Natur erwandern, abends aber nicht auf die heiße Dusche und ein weiches Bett verzichten müssen.

Dann kam Hape Kerkelings Buch "Ich bin dann mal weg…" und plötzlich waren Pilgerreisen, insbesondere auf dem Jakobsweg, in aller Munde. Pilgern und Weitwandern schien das neue Yoga zu werden.

Der religiöse Teil des Pilgerns sprach mich zwar weniger an, aber die erfrischende Erzählung von Hape Kerkeling machte das Erlebnis an sich für mich nachvollziehbar: Körperliche Betätigung bei frei schwebendem Geist, sozusagen ein Kontrastprogramm zu meinem alltäglichen Bürojob mit überwiegend sitzender Tätigkeit bei starker geistiger Anstrengung.

Doch von der Idee zur Umsetzung musste dann doch noch eine gewisse Zeit vergehen. Jobwechsel, Umzug in eine andere Stadt, das zweite Kind und andere Ablenkungen verzögerten immer wieder die Umsetzung dieser Idee. Doch irgendwann saß ich mal wieder im Büro und dachte mir: Wenn du das noch weiter aufschiebst, ist es irgendwann zu spät. Ich besprach mich mit meiner Frau und surfte dann noch am gleichen Abend ein wenig aufgeregt über die entsprechenden Seiten und landete bei "Original Landreisen", die genau das schon damals im Spiegel erwähnte Wanderpaket anboten, bei dem das schwere Gepäck von Hotel zu Hotel transportiert wird, während man mit seinem (hoffentlich leichten) Tagesrucksack von Etappe zu Etappe zieht.

Ich wusste damals nicht wirklich, worauf ich mich da einließ. Ich wählte einfach die populärere Westvariante, Start in Pforzheim, Ziel in Weil am Rhein bzw. Basel. Wohlgemerkt: Zu diesem Zeitpunkt hatte ich noch nie in meinem Leben eine Wanderung von mehr als 10 Kilometern gemacht, hatte keine Wanderausrüstung und dachte insgesamt, Wandern sei ein verlängerter Sonntagspaziergang. In diesem Lichte betrachtet wirkten die nackten Zahlen des Westwegs noch eindrucksvoller: Insgesamt ca. 285 Kilometer in zwei Wochen, rund 8000 Höhenmeter zu überwinden.

Als ich erstmals diese Zahlen las, wurde mir dann doch ein wenig schwindelig. Zum Vergleich: der Aconcagua, der höchste Berg der Anden, hat gerade mal eine läppische Höhe von 6962m…

Ich hatte mich quasi zum New York Marathon angemeldet, ohne auch nur einmal einen Halbmarathon gelaufen zu sein. Aber man wächst mit den Aufgaben und den Zielen, und nun gab es kein Zurück mehr: Die Reise war gebucht und nun mussten die weiteren Vorbereitungen folgen, schließlich hatte ich ungefähr sechs Monate zur Vorbereitung.

Was ich dabei erlebte und ob ich es am Ende wirklich schaffte, die Distanz zu bewältigen, erzähle ich in diesem Blog.

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