Für die Tour zur Geißhöhe habe ich zwei Wanderungen kombiniert.
Servus Leute,
dieses Wochenende ging es auf die Tour, die ich schon vor einiger Zeit vollmundig angekündigt hatte und die ich nun "Auf zur Geißhöhe*" genannt habe. (* Die Schreibweise ist hier sehr unterschiedlich: Man findet Geishöhe, Geißhöhe und Geisshöhe. Da die weibliche Ziege, von der sich der Begriff wohl ableitet "Geiß" heißt, verwende ich diesen hier.) Das letzte Mal musste ich meinen ersten Anlauf aufgrund von privaten Vorkommnissen dann zur Tour "Die Herrin der Berge" verkürzen.
Zwar hatte ich am selben Wochenende noch einen Kindergeburtstag bzw. ein Sommerfest für unsere ältere Tochter auszurichten (5 Jahre), aber ich wollte das jetzt durchziehen. Mein Fazit: Es war nervenaufreibend, anstrengend und brachte mich an die Grenzen meiner Leistungsfähigkeit…und die Wandertour war ebenfalls anspruchsvoll.
Die Tour bestand diesmal, wie ich schon sagte, aus zwei zusammengefassten Tageswanderungen. Insgesamt 22,6 km, kumulative 1200 Höhenmeter, berechnete Laufzeit 6 Stunden 39 Minuten.
"Now we talk!"
Allerdings muss ich zugeben, dass bei meiner Wanderung auf dem Westweg noch längere Etappen dabei sein werden…Egal….wer wird sich von solchen Details ablenken lassen?
Los geht es wieder am Parkplatz Buchrain-Strasse. Die ungefähr 2-3 Kilometer bis zur St. Martinuskirche gehen flach durch den so genannten Wiesengrund. Mit einem gut gelaunten, proaktiven "Guten Morgen" wecke ich manchen Bürger, der mir verschlafen mit dem Hund entgegen kommt. Ich habe auf meinen Tagestouren gelernt, dass es wichtig ist den Anderen schon früh davon zu überzeugen, dass man harmlos und freundlich ist. Schweift der skeptische Blick erst einmal nach unten über Bauchtasche, Trinkflasche, Wanderstöcke und Wanderschuhe, hat man schon verloren.
Inzwischen bin ich nach einem leichten Spaziergang an der Kirche St. Martinus bzw. dem Wellness-Hotel-Restaurant Lamm angelangt. Ich weiß, was mich jetzt erwartet, es geht gleich auf dem Räuberweg 3 mit dem ersten Anstieg durch den Wald. Geübt ziehe ich die Wanderstöcke aus der Aufhängung am Rucksack über die Schulter, "Braveheart" persönlich hätte sein Zweihandschwert nicht gekonnter ziehen können.
Der Anstieg ist…steil. Zum ersten Mal an diesem Tag schwitze ich. Da hilft es auch nicht, dass ein Papa mit seinem Dreijährigen neben mir lustig auf dem Steilhang im Wald spielt, als sei es nur eine flache Wiese. Sie erinnern mich unwillkürlich an fröhlich spielende Gämsen. Na gut, die Einheimischen werden hier wohl schon mit Wanderschuhen geboren. Ich schnaufe weiter. Schnell bin ich recht hoch über Heimbuchenthal. Erster Status-Check: Durchschnaufen, trinken, der erste Snack – alles gut. "Es läuft!"
Weiter geht es bis zur "Herrin der Berge". Obwohl ich diesen Blickwechsel schon kenne, erst dichter Wald, dann plötzlich die weite Wiese mit Blick in die umgebenden Täler, werde ich erneut überrascht. Insbesondere, da das Wetter heute noch besser ist und die Sonne strahlt. Ich halte mich allerdings diesmal nur kurz hier auf und folge dem Weg weiter. Schließlich habe ich heute noch einiges vor.

In Volkersbrunn treffe ich am Ortsrand auf einen Fahrradfahrer, der sich japsend auf eine der Parkbänke schleppt. Mit zitternden Händen führt er seine Trinkflasche zum Mund. Tja, "Sport ist Mord". Bevor ich ihn noch "Mund-zu-Mund"-beatmen muss, werfe ich ihm nur ein gut-gelauntes, pro-aktives "Grüß Gott" zu, ist ja inzwischen schon fast Mittag und immerhin befinden wir uns in Bayern, und eile weiter.
Noch sind meine Batterien gefüllt und ich komme gut voran. Ich bin zuversichtlich die lange Strecke heute gut zu bewältigen. Die Behinderungen auf der Strecke halten sich bisher auch in Grenzen: Nur zwei sich streitende Senioren – oder ist das ihre normale Redelautstärke? – blockieren kurz den Weg und werden dann souverän links überholt.

Am Heimathenhof vorbei kommt die nächste "Herausforderung" beim Abstieg zu Höllhammer. Der Weg, eher ein schmaler Pfad, geht über Wurzeln und Steine. Man muss aufpassen, dass man hier nicht den Tritt verliert. Zum ersten Mal spüre ich es in den Beinen. Gerade als ich mir das steilste und engste Stück vornehme, kommt von hinten ein "Downhill-Mountainbiker " mit großem Getöse herangedonnert. Es sei ja jedem sein Hobby gegönnt – so lange man auf andere Rücksicht nimmt. Aber dieser Radfahrer scheint den Wanderweg mit seiner persönlichen Rennstrecke zu verwechseln.
Jedenfalls springe ich zur Seite ins Gebüsch weil wir unmöglich beide auf dem Weg Platz haben. Freundlich werfe ich ihm mein gut-gelauntes "Grüss Gott" zu. Da zuckt er dann doch ein wenig zusammen, er war wohl doch ein wenig zu sehr auf den Weg konzentriert. Es hat vielleicht doch einen Grund warum ein paar hundert Meter weiter oben ein "Durchfahrt verboten" Schild steht. Vielleicht müsste man es noch mit dem Zusatz "Gilt auch für Radfahrer" ergänzen, obwohl eigentlich klar sein sollte, dass das Schild eigens für die Radfahrer in den Wald gehängt wurde, da der Weg für andere Fahrzeuge zu schmal ist.
Gut, ich gebe es zu. Vielleicht habe ich ein wenig hinter einem Baum gestanden als ich mein "Grüß Gott" rief und vielleicht habe ich auch ein wenig forscher als sonst gerufen. Aber ihm passiert ja nichts. Er bremst voll, steigt ab und schiebt brav sein Rad den Rest des Weges. Vielleicht hat er auch ein wenig ein schlechtes Gewissen? Unten am Waldweg angekommen beeilt er sich jedenfalls in die mir entgegengesetzte Richtung davon zu radeln. Sehe ich vielleicht aus wie ein Förster? Liegt vielleicht an meinem Bart.
In Höhe Höllhammer geht es mir noch gut, obwohl ich jetzt schon ein wohlig warmes Gefühl in den Beinen habe.
Blöderweise ist die Wegführung des "Spessartwegs 2" zwischen Höllhammer und Wintersbach irgendwie…sagen wir…"unentschlossen". Es geht links, dann wieder rechts, hoch und wieder runter, durch Ortsaußenbezirke und dann wieder über Wiesen. Schon beim ersten Anstieg denke ich: "Jo, jetzt geht es hoch zur Geißhöhe", aber Pustekuchen: Es geht in der nächsten Stunde noch mehrfach kurze Anstiege hoch und dann gleich wieder runter.
Erst später begreife ich den Grund für die kreative Wegführung: Man wollte den Wanderer unbedingt über den "Alten Schulweg" zur Geißhöhe führen und musste dazu die Wanderer einige hundert Meter um den Berg herum führen. Der "alte Schulweg" ist ein 300 Jahre alter, ehemaliger Trampelpfad, den die Geißhöher Bürger regelmäßig nahmen, um sonntags in Wintersbach in die Kirche zu kommen. 3 Kilometer und 300 Höhenmeter über Stock und Stein, Wanderzeit allein für den Weg ca. 1h, Wintersbach liegt aber noch einmal eine gute halbe Stunde entfernt. Im Winter war der Weg natürlich nicht geräumt und nach Regen war er matschig. Das nenne ich mal religiösen Einsatz, da kann man sich die jährliche Wallfahrt glatt sparen!
Die eigentlichen Helden und Heldinnen waren aber, wie der Name schon sagt, die Geißhöher Kinder, die diesen Weg jeden Tag gehen mussten, um zur Schule in Wintersbach zu kommen. Bei Regen oder Schnee. Unbegleitet. Einfache Strecke ca. 1,5 h. Ohne SUV-Mama und Smartphone-Überwachung. Durch einen dunklen Wald, in dem die Räuber andernorts die Kaufleute regelmäßig überfielen und ausnahmen.
Da bekommen Märchen wie Rotkäppchen eine ganz wirklichkeitsnahe Bedeutung. (Die Gebrüder Grimm haben sich übrigens in der Umgebung einige Inspiration für ihre Märchensammlung geholt).
Heutzutage jedenfalls undenkbar, dass Mia die dreihundert Meter zur Grundschule alleine bewältigen darf oder die Eltern darauf vertrauen, dass Till sich nicht beim Überqueren der Straße das Bein bricht…
Der "Alte Schulweg" ist heute ein Naturlehrpfad. Es gibt – natürlich – einen Schaukasten mit Beispielen für Bienenhotels. Schließlich sind Bienen bekanntermaßen in unseren Breiten die einzigen nützlichen Insekten. Außerdem stellen sich die wichtigsten Bäume: Fichte, Tanne, Eiche, Buche, etc. auf Schautafeln selbst vor.
Weitere Highlights auf der Strecke: Fotos von Stationen der Heimbuchenthaler Passionsspiele, ein Resonanz-Stein, ein alter Mühlstein und eine Wasserpumpe zum Handbetrieb.

Ich bin derweil damit beschäftigt mich über die zahlreichen Findlinge hinauf zu quälen. Ich versuche nicht auszurutschen und mir nicht das Genick zu brechen, langsam fordert die Tour bei meinen Beinen nämlich zitternd ihren Tribut. Breitgetretene Trampelpfade um die Findlinge herum zeigen mir, dass auch andere vor mir den Balance-Akt von Stein zu Stein nicht so angenehm fanden.
Schnaufend und ziemlich fertig erreiche ich ca. 1 Stunde später endlich den Rand der Geißhöhe. Meine Beine beschweren sich als ich ihnen vorsichtig eröffne, dass rein rechnerisch noch nicht einmal die Hälfte der Distanz geschafft ist. Nach einiger Diskussion überzeuge ich sie dennoch den Extraschlenker von 1,5 km auf dem Schmetterlingsweg zu machen. Wenn man schon mal hier oben ist, soll es sich ja lohnen.
Auf dem Aussichtsturm der Geißhöhe, übrigens der höchste besiedelte Punkt im Spessart, entstehen ein paar schöne Erinnerungsfotos. Nach den Treppen hoch zum Aussichtsturm schimpfen meine Beine mit mir. Wie kann man auch so unvernünftig sein ohne Not, nur um in der Ferne die Schornsteine vom Kraftwerk in Großkrotzenburg zu sehen, seinen Beinen nochmals eine ganze Reihe Stufen (hab' sie nicht gezählt) zuzumuten? Die etwas krumme Körperhaltung ist nur einzig und allein dem Umstand geschuldet, dass ich noch voll auf das Bild passen wollte. Ehrlich!


Dann habe ich endlich die Hälfte der Strecke hinter mich gebracht und es geht relativ geradlinig zum Auto hinab.
Ich merke, wie meine Bewunderung für die Natur um mich herum immer mehr der Sorge um die Natur in meinem Inneren weicht. Die Knie werden weicher und gerade der Abstieg fordert nochmals die Muskulatur. Beinahe in Luftlinie geht es wieder runter ins Tal bis nach Neuhammer. Meine Beine reden beleidigt nicht mehr mit mir, aber wenigstens mache ich jetzt ordentlich Strecke.
An Neuhammer vorbei treffe ich bald wieder auf den Weg, den ich schon von meiner kürzeren Tour her kenne. Er führt am Waldsee vorbei zurück zum Auto in Heimbuchenthal.

Meine Beine erwecken inzwischen den Anschein sie seien 200 kg schwer. Jeder Schritt schmerzt in Wade, Oberschenkel und Leiste. Ich rede laut mit mir selbst und ernte verwunderte Blicke von Wanderern, die mir entgegenkommen. Mein "Grüß Gott" ähnelt inzwischen dem Würgen eines Hundes, wenn ein Knochen quer sitzt. Egal. Weiter beißen. Ein Schritt, dann noch einer. Ich verfluche die Planer der Wegstrecke, die mich erst wieder hochführt, um dann zum See wieder abzufallen. Warum nicht einfach gleich im Tal bleiben?
Auf der Parkbank am See sinke, nein, plumpse ich kartoffelsackartig auf die Sitzfläche. Ich spiele kurzzeitig mit dem Gedanken hier meinen Zweitwohnsitz einzurichten, erhebe mich aber dann nach 10-minütiger Pause doch wieder mit quälender Kraftanstrengung. Meine Beine können den Wahnsinn nicht fassen. Wie ein Verdurstender in der Wüste schleppe ich mich den letzten Kilometer zum Auto. Ich glaube ich halluziniere leicht. Sind das da wirklich übermenschlich große Holzfiguren am Straßenrand?

Endlich erreiche ich mein Auto. Als ich meinen Rucksack abschnalle glaube ich fliegen zu können. Meine Zeit ist am Ende recht gut: Trotz (kurzer) Pausen schaffe ich die Strecke von rund 23 Kilometern in 5,5 Stunden (also eine Durchschnittsgeschwindigkeit von rund 4,2 km/h). Den Rest des Tages laufe ich allerdings wie ein 70jähriger.
Definitiv muss meine Kondition noch einiges besser werden, wenn ich den Westweg schaffen will. Dort kann ich nach solch einer Etappe nicht drei Tage ausspannen…
